Mittwoch, 16. September 2026 · 13:22
EU-Kinderschutz in sozialen Netzwerken, Microsoft-KI-Leitplanken für Schulen, TSMC bremst bei KI
The State of Tech DE vom Mittwoch, 16. September 2026: Die EU-Kommission legt erstmals einen gesamteuropäischen Gesetzesvorschlag zum Schutz von Minderjährigen in sozialen Netzwerken vor – mit strengen Regeln für Kinder unter 13 und einem „Safe by Design"-Ansatz für Plattformen. Außerdem: Microsoft akzeptiert scharfe Datenschutzstandards für KI in US-Schulen, Chipriese TSMC tritt bei sensibler KI-Forschung bewusst auf die Bremse, und in Australien wirft eine Ministerin dem Rechenzentrumsbetreiber NextDC vor, Lobbybriefe von einer KI schreiben zu lassen. Dazu zwei Tools zum Ausprobieren: die verschlüsselte europäische Büro-Suite CryptPad und die Inventar-App Homebox.
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Transkript
Anna: Willkommen bei The State of Tech DE, Mittwoch, der sechzehnte September 2026. Ich bin Anna Hoffmann.
Klaus: Und ich bin Klaus Bergmann. Heute: Brüssel will erstmals gesamteuropäische Regeln für Kinder in sozialen Netzwerken vorlegen. Microsoft akzeptiert scharfe KI-Leitplanken für amerikanische Schulen. Chipriese TSMC tritt bei sensibler KI-Forschung selbst auf die Bremse. Ein Streit in Australien wirft NextDC vor, Lobbybriefe von einer KI schreiben zu lassen. Und zum Schluss zwei Sachen zum Ausprobieren: die verschlüsselte europäische Büro-Suite CryptPad und die Inventar-App Homebox. Fangen wir an.
Brüssel legt heute erstmals gesamteuropäische Regeln für Kinder in sozialen Netzwerken vor.
Anna: Heute Nachmittag hält Ursula von der Leyen ihre Rede zur Lage der Union, und im Windschatten davon veröffentlicht die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag, wie Minderjährige künftig Zugang zu sozialen Netzwerken bekommen. Das ist der Moment, in dem aus jahrelanger Debatte über Kinderschutz im Netz erstmals europäisches Recht werden soll. Der Vorschlag soll neben dem Digital Fairness Act stehen und folgt den Empfehlungen eines Sonderpanels zum Thema Kindersicherheit. Die Richtung ist ein altersgestuftes Modell, mit den strengsten Grenzen für Kinder unter dreizehn.
Klaus: Der Schlüsselbegriff in den Empfehlungen ist "safe by design". Auf Deutsch: sicher von vornherein. Plattformen müssten also nachweisen, dass ihr Dienst für junge Nutzer wirklich sicher ist, bevor diese überhaupt hineinkommen, statt Schäden hinterher zu flicken. Laut den Plänen zielt der Vorschlag zusätzlich auf personalisierte Werbung für Minderjährige und die undurchsichtigeren Ecken des Influencer-Marketings. Für Eltern könnte das bedeuten, weniger algorithmische Kaninchenlöcher, in die ihre Kinder rutschen. Für die Plattformen bedeutet es, dass Design-Entscheidungen, die heute freiwillig sind, bald überall im Binnenmarkt gesetzlich vorgeschrieben sein könnten.
Anna: Und das passiert nicht im luftleeren Raum. Mehrere europäische Länder haben schon vorgelegt. Frankreich drückt bei der Altersverifikation, Spanien hat ein Mindestalter von sechzehn Jahren für Social-Media-Konten ins Gespräch gebracht, und das australische Verbot für Unter-Sechzehnjährige wird in Brüssel aufmerksam beobachtet. Was die Kommission heute plant, würde Europa eine gemeinsame Basislinie geben, statt siebenundzwanzig unterschiedlicher nationaler Regelwerke.
Klaus: Für den DACH-Raum ist der Effekt greifbar. In Deutschland setzt der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag bisher weitgehend auf freiwillige Alterskennzeichnung, in Österreich läuft eine parallele Debatte um KoPl-G-Nachfolge, und die Schweiz orientiert sich meist an Brüsseler Standards, auch ohne EU-Mitgliedschaft. Wenn das Paket in dieser Form durchkommt, müssten Anbieter wie TikTok, Instagram und Snapchat im gesamten deutschsprachigen Raum ihre Anmeldeprozesse, Empfehlungsalgorithmen und Werbeeinstellungen für Minderjährige nachweisbar umbauen. Ob der Text so beschlossen wird, bleibt offen, das Gesetzgebungsverfahren zieht sich in Brüssel erfahrungsgemäß über Monate.
Microsoft akzeptiert strenge KI-Leitplanken und Datenschutzstandards für amerikanische Schulen.
Anna: Microsoft hat mit der American Federation of Teachers, der zweitgrößten Lehrergewerkschaft der USA, eine umfassende Vereinbarung darüber unterzeichnet, wie KI-Werkzeuge des Konzerns in Schulen eingesetzt werden dürfen. Der Deal ist ungewöhnlich konkret. Microsoft darf Schüler- und Lehrerdaten nicht mehr zum Training seiner KI-Systeme nutzen, mit einer engen Ausnahme, wenn es dem Schutz von Kindern dient. Die Daten dürfen nicht verkauft, nicht für Werbung verwendet und nicht in die Produktentwicklung eingespeist werden.
Klaus: Der Punkt, der besonders auffällt, ist ein anderer. Die Vereinbarung verbietet ausdrücklich KI-Begleiter, die auf emotionale Bindung oder Abhängigkeit ausgelegt sind. Es gab zuletzt eine Welle von Consumer-KI-Produkten, vermarktet als Freund oder Lernbuddy, und Pädagogen sind zunehmend unruhig, wenn Kinder Beziehungen zu einem Chatbot aufbauen, die sich echt anfühlen. Indem die Gewerkschaft dieses Verbot direkt in einen Anbietervertrag schreibt, sagt sie im Grunde: nicht in unseren Klassenzimmern. Und das setzt eine Vorlage. Sobald eine große Gewerkschaft solche Bedingungen aushandelt, haben andere Gewerkschaften und Bildungsministerien eine fertige Checkliste in der Hand.
Anna: Für Europa ist das direkt relevant. Microsoft ist tief in deutschen, österreichischen und schweizerischen Schulen verankert, über Teams, Office und die Copilot-KI. Kultusministerien im DACH-Raum ringen seit Monaten damit, wie sich KI im Unterricht freigeben lässt, ohne die Tür zum Datenabgriff zu öffnen. Mehrere deutsche Länder haben Microsofts Cloud-Dienste zeitweise aus Datenschutzgründen aus Schulen verbannt. Die Zugeständnisse, die Microsoft jetzt in den USA gemacht hat, könnten europäische Verhandler mit einem sehr konkreten Referenzpunkt an den Tisch schicken: das, was ihr in Chicago unterschrieben habt, wollen wir auch.
Klaus: Kurze Unterbrechung. Wenn du The State of Tech DE regelmäßig hörst, drück auf Like und abonniere den Podcast, so verpasst du keine Folge. Weiter geht's.
Anna: Kurze Unterbrechung. Wenn du The State of Tech DE regelmäßig hörst, drück auf Like und abonniere den Podcast, so verpasst du keine Folge. Weiter geht's.
Chipriese TSMC tritt bei sensibler KI-Forschung ausdrücklich selbst auf die Bremse.
Klaus: Der wichtigste Chiphersteller der Welt geht ungewöhnlich vorsichtig mit künstlicher Intelligenz um. Y.J. Mii, Co-Chief-Operating-Officer bei TSMC, sagt, das Unternehmen sei zurückhaltend, wenn KI sensible Informationen verarbeitet, besonders in Forschung und Entwicklung. Die Sorge ist einfach: Datenlecks und Datenverfälschung, wenn KI-Werkzeuge nicht sorgfältig kontrolliert werden. Das aus dem Haus, das die fortschrittlichen Chips für fast jedes ernstzunehmende KI-System der Welt fertigt.
Anna: Und Mii bleibt nicht bei einer allgemeinen Mahnung. TSMC setzt KI durchaus ein, wenn das Terrain gut verstanden ist, zum Beispiel bei der Automatisierungssoftware, die beim Chip-Layout hilft. Aber für die Entwicklung der nächsten Generation von Fertigungsverfahren, wo, so Mii wörtlich, viele Unbekannte im Spiel seien, bleibt das Unternehmen bewusst konservativ. Er verwies dabei auf die jüngsten Aufrufe von Dario Amodei von Anthropic und Sam Altman von OpenAI, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Für einen TSMC-Manager ist es bemerkenswert, sich öffentlich in diese Richtung zu stellen.
Klaus: Die implizite Sorge ist Industriespionage in Maschinengeschwindigkeit. Die Prozessrezepte von TSMC gehören zu den wertvollsten Geschäftsgeheimnissen weltweit. Wenn Ingenieure sensible Informationen in einen KI-Assistenten kopieren, der sie speichert, daraus lernt oder sie weitergibt, wäre der Schaden praktisch nicht mehr rückgängig zu machen. Also wählt TSMC seine Einsatzfelder gezielt. Bemerkenswert ist, dass das eine Geschichte über interne Disziplin ist, keine Regulierungsgeschichte. TSMC setzt selbst den Ton für die eigene Forschung.
Anna: Für den deutschsprachigen Raum ist das doppelt interessant. TSMC baut gerade in Dresden ein Werk mit europäischen Partnern, und die deutsche Industrie hängt an den Lieferungen aus Taiwan, von der Autoelektronik bis zur Anlagentechnik. Wenn selbst TSMC bei sensibler KI vorsichtig ist, ist das ein Signal an Bosch, Infineon oder ASML in Veldhoven, ihre eigenen internen KI-Regeln noch einmal zu prüfen. Wer in einem Chatfenster schnell mal einen Konstruktionsplan hochlädt, verliert eventuell mehr, als ein KI-gestützter Produktivitätsgewinn je wieder einspielt.
Streit in Australien: Ministerin wirft NextDC vor, Lobbybriefe von einer KI schreiben zu lassen.
Klaus: Nach Australien, wo ein sehr moderner politischer Streit ausgebrochen ist. Melissa Horne, Jobs-Ministerin des Bundesstaats Victoria, wirft NextDC vor, einem der größten Rechenzentrumsbetreiber des Landes, künstliche Intelligenz eingesetzt zu haben, um Briefe an ihr Büro zu formulieren. Der Vorwurf, diese Woche berichtet, stützt sich auf vermeintlich KI-typische Fehler in der Korrespondenz zwischen der Ministerin und NextDC-Chef Craig Scroggie.
Anna: Der Hintergrund ist ein Streit um eine geplante zehn Hektar große Erweiterung dessen, was NextDC eine Hyperscale-KI-Fabrik in Footscray nennt, einem Vorort von Melbourne. Anwohner beschweren sich lautstark über die schiere Größe des Standorts und die Nähe zu Wohngebieten. NextDC drängt auf ein beschleunigtes Planungsverfahren. Und die Ministerin sagt jetzt im Grunde: Ihre Eingaben lesen sich wie von einem Chatbot geschrieben, und die verräterischen Fehler beweisen es.
Klaus: Interessant ist, dass es nicht wirklich um die Fehler geht. Es geht um Vertrauen. Ministerien und Aufsichtsbehörden bekommen tausende Lobbybriefe. Wenn sie den Verdacht bekommen, dass diese Briefe im großen Stil KI-generiert sind, ohne menschliche Verantwortung dahinter, verändert sich der ganze Kanal zwischen Wirtschaft und Politik. Einige Behörden könnten am Ende Offenlegung verlangen, wenn KI bei offiziellen Eingaben mitschreibt.
Anna: Und das landet direkt in Europa. Der AI Act regelt Unternehmens-Lobbying nicht ausdrücklich, aber die Transparenzregister in Brüssel, Berlin und Bern könnten die Idee leicht aufgreifen. In Deutschland läuft parallel die Debatte um das Lobbyregistergesetz, in Österreich gibt es das Lobbying- und Interessenvertretungs-Transparenzgesetz. Wenn eingereichte Positionspapiere zunehmend von Sprachmodellen stammen, wird die Frage, wer eigentlich unterschreibt, sehr schnell juristisch relevant. Und auch redaktionell: die Tagesschau-Redaktion oder der Bundestag müssen künftig damit rechnen, dass eine gut formulierte Stellungnahme in Wahrheit ein Prompt war.
Verschlüsselte europäische Büro-Suite CryptPad ist eine echte private Alternative zu Google Docs.
Klaus: Zum Abschluss zwei Sachen zum Ausprobieren. Zuerst CryptPad. Das ist eine kostenlose, Ende-zu-Ende verschlüsselte Büro-Suite, entwickelt vom französischen Unternehmen XWiki, und sie läuft komplett im Browser. Du bekommst gemeinsam bearbeitbare Dokumente, Tabellen, Präsentationen, Kanban-Boards, Whiteboards und Formulare, alles so verschlüsselt, dass selbst der Serverbetreiber die Inhalte nicht lesen kann. Für alle, die schon mal gezögert haben, einen sensiblen Entwurf in einen großen Cloud-Editor zu kopieren, ist genau das der Punkt.
Anna: Der Einstieg dauert etwa eine Minute. Man geht auf cryptpad punkt fr, für einen ersten Test braucht man kein Konto, und öffnet ein neues Dokument. Einen Link teilen, und schon lässt sich gemeinsam in Echtzeit schreiben, so wie in Google Docs. Wer mehr Speicher oder einen dauerhaften Arbeitsbereich möchte, bekommt das mit einem kostenlosen Konto, und bezahlte Stufen oder Selbsthosting stehen für Teams und Organisationen bereit. Der Code ist offen, das Projekt bekommt Mittel aus europäischen Forschungsprogrammen.
Klaus: Nutzer heben drei Einsatzfelder besonders hervor. Journalisten, die mit Quellen arbeiten. Anwälte, die Vertragsentwürfe herumreichen. Und kleine Teams in größeren Organisationen, die ein bestimmtes Projekt nicht auf einer US-gehosteten Plattform liegen haben wollen. Ein volles Microsoft 365 ersetzt CryptPad damit nicht, und komplexe Tabellenkalkulationen sind schlanker als das, was Buchhalter gewohnt sind. Aber für Besprechungsnotizen, geteilte Dokumente und schnelle gemeinsame Planung ist es heute nutzbar.
Anna: Ein praktischer Hinweis: Weil alles mit einem Schlüssel verschlüsselt ist, der im geteilten Link steckt, ist dieser Link buchstäblich das Passwort. Wer ihn öffentlich in einen Kanal postet, macht das Dokument für jeden lesbar, der ihn findet. Für den DACH-Raum interessant: Der Anbieter unterliegt französischem und damit europäischem Recht, die Hauptinstanz cryptpad punkt fr steht in der EU, und es gibt eine wachsende Zahl von deutschen und schweizerischen Universitäten und Behörden, die eigene Instanzen betreiben. Ein guter Einstiegstest heute Nachmittag: die nächste Besprechungsagenda einfach dort schreiben, statt in Google Docs.
Die Open-Source-App Homebox macht deinen kompletten Haushalt zu einer durchsuchbaren Inventarliste.
Klaus: Der zweite Tipp heißt Homebox, und er kratzt an einem sehr banalen Problem. Es ist eine kostenlose Open-Source-Haushalts-Inventar-App, mit der du alles katalogisieren kannst, was du besitzt. Von Küchengeräten über Campingausrüstung bis zu den Kabeln in dieser einen Schublade, die jeder hat. Du kannst Fotos, Seriennummern, Kaufdaten, Garantieunterlagen und Quittungen anhängen und festhalten, wo genau ein Gegenstand liegt. Und dann alles in Sekunden durchsuchen.
Anna: Zwei Zielgruppen lieben das Werkzeug besonders. Menschen, die einen Umzug vorbereiten. Und Menschen, die gerade einen Versicherungsfall hatten und feststellen mussten, dass sie eigentlich keine Ahnung hatten, was genau in der Wohnung stand. Homebox wird laut Reviews viel in Heim-Server-Communitys und von kleinen Vermietern eingesetzt und für seine schlanke Bauart und das Fehlen jeglicher Abomodelle gelobt. Das ganze Projekt läuft unter einer offenen Lizenz und liegt auf GitHub.
Klaus: Der Haken: Homebox ist selbst gehostet. Man betreibt es auf eigener Hardware, meist auf einem kleinen Heim-Server, einem alten Mini-PC oder einem Raspberry Pi. Wenn das schon einschüchternd klingt, ist dieser Tipp heute nicht der richtige. Wer mit einem Container vertraut ist, ist mit einem einzigen Befehl in etwa zehn Minuten startklar. Die Daten bleiben auf dem eigenen Gerät, nichts verlässt das Heimnetz.
Anna: Ein sanfter Einstieg ist, mit einem Raum anzufangen. Die zehn wertvollsten Gegenstände fotografieren, Seriennummer und Kaufdatum eintragen, und schauen, wie sich das anfühlt. Danach werden die restlichen Zimmer an einem verregneten Sonntag fast meditativ. Und an dem Tag, an dem etwas kaputt geht, gestohlen wird oder für die Hausratversicherung nachgewiesen werden muss, ist die Liste einfach da. Für den DACH-Raum praktisch: Deutsche und österreichische Hausratversicherer verlangen im Schadensfall oft genau diese Art von Belegen, und ein digitales Inventar mit Fotos und Rechnungen kann die Regulierung spürbar beschleunigen.
Anna: Heute ging es um: den EU-Vorschlag zum Kinderschutz in sozialen Netzwerken, Microsofts strenge KI-Leitplanken für US-Schulen, TSMCs eigene Bremse bei sensibler KI, den Lobby-Streit um KI-Briefe von NextDC in Australien, die verschlüsselte Büro-Suite CryptPad, und die Haushalts-Inventar-App Homebox.
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Klaus: State of Tech, die Tech-Welt in 15 Minuten.