Donnerstag, 3. September 2026 · 13:36
Tech-Konzerne reißen Klimaziele wegen KI, Uber & Wayve starten autonom in London
The State of Tech DE vom Donnerstag, 3. September 2026: Ein neuer UN-Bericht zeigt, dass Tech-Konzerne wegen des KI-Booms ihre Klimaziele reißen – bei einzelnen Anbietern stiegen die Emissionen zwischen 2020 und 2024 um bis zu 239 Prozent. Außerdem: Uber und Wayve starten den ersten autonomen Fahrdienst auf Londons Straßen, die EU schickt Auskunftsersuchen an über 30 KI-Firmen während Washington auf lockere Regeln drängt, und westliche Investoren zahlen tausende Dollar für Fabrik-Touren in China aus Angst vor einem zweiten China-Schock. Zum Abschluss: der verschlüsselte Schweizer E-Mail-Dienst Proton Mail und die freie französische Fotobibliothek Piwigo.
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Transkript
Anna: Willkommen bei The State of Tech DE, Donnerstag, der dritte September 2026. Ich bin Anna Hoffmann.
Klaus: Und ich bin Klaus Bergmann. Heute: Ein neuer UN-Bericht zeigt, dass Tech-Konzerne ihre Klimaziele wegen des KI-Booms reißen. Uber und Wayve starten heute den ersten autonomen Fahrdienst auf Londons Straßen. Washington will lockere KI-Regeln, während Brüssel formelle Auskunftsersuchen an über dreißig KI-Firmen verschickt. Internationale Investoren zahlen tausende Dollar für Fabrik-Touren in China aus Angst vor einem zweiten China-Schock. Dann zum Abschluss zwei Dinge zum Ausprobieren: der verschlüsselte Schweizer E-Mail-Dienst Proton Mail und die freie französische Fotobibliothek Piwigo. Fangen wir an.
Neuer UN-Bericht warnt, dass Tech-Konzerne wegen des KI-Hungers ihre Klimaziele reißen.
Anna: Die Internationale Fernmeldeunion der UN und die World Benchmarking Alliance haben ihren Bericht "Greening Digital Companies 2026" veröffentlicht, und die Schlagzeile ist unbequem. Die großen Tech-Firmen berichten zwar mehr über Klimaziele und bauen erneuerbare Energien aus, aber nicht schnell genug, um das aufzufangen, was künstliche Intelligenz mit ihrem Stromverbrauch macht. Bei einzelnen führenden KI- und Cloud-Anbietern sind die Emissionen zwischen 2020 und 2024 um bis zu zweihundertneununddreißig Prozent gestiegen. Das ist eine erdrückende Zahl, wenn dieselben Konzerne ihren Investoren gleichzeitig erzählen, sie seien auf Kurs Richtung Netto-Null.
Klaus: Und die Zahl trifft besonders hart, weil der Bericht auf Daten von 2024 basiert, also vor dem nächsten großen KI-Ausbaujahr. Die Autoren argumentieren, dass Nachhaltigkeit in das Design digitaler Technik eingebaut werden muss, nicht hinterher drangeschraubt. Aktuell läuft es umgekehrt: erst das KI-Rechenzentrum bauen, dann über Netzanschluss und Emissionen nachdenken. Interessant für die DACH-Region: Die Deutsche Telekom und die Schweizer Swisscom stehen im globalen Vergleich mit an der Spitze. Klingt gut, aber der Bericht rahmt das eher so, dass selbst die Klassenbesten nicht schnell genug vorankommen.
Anna: Und das ist der Punkt, an dem es für Europa politisch heikel wird. Die europäischen Netzbetreiber operieren unter den strengsten Klimaregeln der Welt, vom EU-Klimagesetz bis zu den nationalen Netto-Null-Zielen. Wenn die Telekom global vorne liegt und trotzdem hinter dem Zeitplan hinterherhinkt, sagt das etwas über die Systemgrenzen aus, nicht nur über einzelne Firmen. Der Bericht nennt konkret den Ausbau von KI-Rechenzentren in Frankfurt und Dublin als Beispiel, wo die Netzkapazität schlicht nicht mit dem Bautempo mithält.
Klaus: Für Deutschland kommt noch ein Detail dazu, das in der Diskussion oft untergeht. Die Bundesregierung hat Rechenzentren im Energieeffizienzgesetz verpflichtet, ab kommendem Jahr strengere Effizienzwerte einzuhalten und Abwärme nutzbar zu machen. Die Frankfurter Rechenzentrumsbranche warnt seit Monaten, dass diese Regeln in Kombination mit dem KI-Boom die Kalkulation kippen könnten. Der UN-Bericht liefert jetzt die globale Rückendeckung für das Argument, dass die Regeln so bleiben müssen, wie sie sind. Für Verbraucher bedeutet das indirekt: die Stromrechnung und die CO2-Bilanz der digitalen Dienste, die wir täglich nutzen, werden zunehmend ein politisches Thema.
Uber und Wayve starten heute den ersten autonomen Fahrdienst auf Londons Straßen.
Anna: Ab heute kann es passieren, dass jemand in London die Uber-App öffnet, einen UberX oder Uber Comfort bestellt und in ein selbstfahrendes Auto der britischen Firma Wayve einsteigt. Ohne Aufpreis. Es sind vollelektrische Ford Mustang Mach-E, die mit Wayves KI-Software fahren, und ein geschulter Sicherheitsfahrer sitzt bei jeder Fahrt hinter dem Lenkrad. Es ist das erste Mal, dass autonomes Ride-Hailing in Großbritannien regulären Fahrgästen angeboten wird.
Klaus: Der Ansatz von Wayve ist bemerkenswert anders als das, was aus den USA kommt. Statt jede Straße vorab hochdetailliert zu kartieren, trainiert Wayve das System darauf, mehr wie ein Mensch zu fahren, aus Kameradaten und allgemeiner Fahrerfahrung. Deshalb funktioniert es im chaotischen Londoner Verkehr, ohne vorher monatelang Kartierungsfahrten zu machen. Der Sicherheitsfahrer an Bord ist heute vor allem eine regulatorische Brücke, nicht ein technisches Muss. Uber und Wayve sagen, sie werden schrittweise ausbauen, je nach Nachfrage und Regeln.
Anna: Für die DACH-Region ist der Start in London ein Signal, weil hier oft argumentiert wird, autonomes Fahren im dichten europäischen Innenstadtverkehr sei noch Zukunftsmusik. London ist notorisch chaotisch, wer den Old-Street-Kreisel überlebt, schafft auch die Berliner Warschauer Straße. In Deutschland läuft parallel ein Pilot von Volkswagens ID Buzz AD in Hamburg, in München testet MobileEye mit dem BMW-Konzern, und in Zürich hat Mercedes-Benz die Zulassung für Level-3-Autobahnfahrten. Die technische Lücke zwischen London und Frankfurt oder Wien ist kleiner, als viele annehmen.
Klaus: Was Fahrgäste heute in London erleben, ist übrigens erstmal überraschend unspektakulär. Man bestellt eine Fahrt, das Auto kommt, man steigt ein, und ein Fahrer sitzt vorn. Der Unterschied ist, dass die meiste Fahrarbeit von der KI kommt. Für die deutsche Debatte relevant: Der britische Automated Vehicles Act, der diese Dienste ermöglicht, ist genau die Art von Rahmen, den der Verband der Automobilindustrie in Berlin seit Jahren einfordert. Deutschland hat mit dem Gesetz zum autonomen Fahren einen ähnlichen Rechtsrahmen, aber die kommerzielle Umsetzung hinkt hinterher.
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Washington will lockere KI-Regeln, Brüssel schickt Auskunftsersuchen an über dreißig KI-Firmen.
Klaus: Beim G20-Innovationsministertreffen diese Woche war der Riss zwischen den USA und der EU bei der KI-Regulierung offen sichtbar. Washington argumentierte für lockere Regeln, um die Industrie schnell laufen zu lassen. Die Europäische Kommission ging in die entgegengesetzte Richtung und bestätigte, dass sie formelle Auskunftsersuchen an mehr als dreißig KI-Firmen weltweit verschickt hat. Diese Anfragen sind ein Vorschritt unter dem europäischen KI-Gesetz.
Anna: Die Auskunftsersuchen sind der interessante Teil, weil sie ein abstraktes Gesetz in einen konkreten Prozess verwandeln. Brüssel fragt die Firmen im Grunde: Sagt uns, was eure Modelle können, wie sie trainiert wurden und wo sie in Europa eingesetzt werden. Das ist das Rohmaterial, das die Aufsichtsbehörden brauchen, um zu entscheiden, wer in die Hochrisikokategorie fällt. Für die Firmen ist eine sorgfältige Antwort jetzt deutlich günstiger als eine formelle Untersuchung später. Das KI-Gesetz bewegt sich vom Papier in die Praxis.
Klaus: Für die DACH-Region hat das doppelte Bedeutung. Erstens sitzen deutsche KI-Firmen wie Aleph Alpha aus Heidelberg oder die deutsche Tochter von OpenAI, die gerade ein Büro in München aufbaut, direkt im Empfängerkreis solcher Anfragen. Zweitens rüsten die Aufsichtsbehörden auf: In Deutschland teilen sich Bundesnetzagentur und Datenschutzbehörden die Zuständigkeit, in Österreich koordiniert die Rundfunk- und Telekomregulierungsbehörde, in der Schweiz läuft parallel ein eigener KI-Rahmen außerhalb der EU. Wer europäische Kunden will, muss eine spezifische Compliance-Schicht für Europa bauen. Das ist der Brüssel-Effekt in Echtzeit.
Anna: Und die politische Spannung zu Washington bleibt. Die USA argumentieren, europäische Regeln bremsten Innovation. Die Kommission antwortet, ohne Vertrauen keine Verbreitung. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst hat gestern in Berlin gefordert, die Umsetzung des KI-Gesetzes müsse pragmatisch bleiben, damit deutsche Mittelständler nicht zwischen amerikanischen und chinesischen Anbietern zerrieben werden. Der Ton der Debatte wird schärfer, gerade weil die Auskunftsersuchen aus abstrakten Prinzipien Papier für die Rechtsabteilungen machen.
Globale Investoren zahlen tausende Dollar für Fabrik-Touren in China aus Angst vor einem zweiten China-Schock.
Klaus: Aus Shanghai kommt ein bemerkenswerter Trend: Investoren, Unternehmer und Führungskräfte aus der ganzen Welt zahlen tausende Dollar für organisierte Fabrik-Touren in China. Datenfirmen packen diese sogenannten Tech-Pilgerreisen so, dass globale Akteure mit eigenen Augen sehen, was chinesische Unternehmen bei humanoiden Robotern, konkurrenzfähigen KI-Modellen und Massenproduktion von Elektroautos machen. Der Unterton in westlichen Vorstandsetagen ist die Sorge vor einem zweiten China-Schock, bei dem China einen dauerhaften Vorsprung in der fortgeschrittenen Fertigung aufbaut.
Anna: Die Details sind entscheidend. Die Besucher sehen keine Prototypen auf einer Bühne. Sie laufen durch Fabrikhallen, in denen humanoide Roboter Logistikaufgaben übernehmen, und durch E-Auto-Werke, die in einem Maßstab produzieren, den europäische Hersteller heute schlicht nicht erreichen. Chinesische KI-Labore haben zudem offene Modelle veröffentlicht, die mit US-Spitzensystemen mithalten, zu einem Bruchteil der Kosten. Die Kombination erklärt, warum westliche Investoren einen Aufpreis zahlen, nur um zuzuschauen.
Klaus: Für die deutsche Industrie ist die Lage unbequem. Die deutsche Automobilbasis, die österreichischen Maschinenbauer, die Schweizer Präzisionsindustrie sind alle in direkter Schusslinie, wenn chinesische Firmen fortgeschrittene Fertigung schneller und günstiger skalieren. Volkswagen hat gerade angekündigt, mit dem chinesischen Partner XPeng eine gemeinsame Softwareplattform zu bauen, weil die eigene Entwicklung zu langsam war. Das zeigt die Richtung: Statt zu kopieren, kopieren zunehmend die Deutschen die chinesischen Ansätze. Und anders als vor zehn Jahren geht es nicht mehr nur um E-Autos, sondern um die Fabriken, die die Maschinen bauen, die alles andere bauen.
Anna: Der VDMA, der deutsche Maschinenbauverband, hat vergangene Woche eine Studie vorgelegt, die genau in diese Kerbe schlägt. Die These: Ohne massive Investitionen in Automatisierung und industrielle KI in Süddeutschland und Oberösterreich verlieren europäische Zulieferer innerhalb von fünf Jahren strategische Marktsegmente. Dass mittlerweile deutsche Mittelständler selbst diese Fabrik-Touren buchen, nicht mehr nur US-Investoren, spricht Bände. Es geht nicht um Faszination, es geht darum zu verstehen, wovor man sich verteidigen muss.
Der verschlüsselte Schweizer E-Mail-Dienst Proton Mail lässt sich heute Nachmittag umziehen.
Klaus: Zum Abschluss zwei Dinge, mit denen sich heute konkret etwas anfangen lässt. Das erste ist Proton Mail, der verschlüsselte E-Mail-Dienst aus Genf. Den gibt es schon Jahre, aber der Grund, ihn jetzt zu erwähnen: Die kostenlose Version ist inzwischen wirklich alltagstauglich, und die mobilen Apps haben zu den bekannten Anbietern aufgeschlossen. Nutzer bekommen Ende-zu-Ende verschlüsselte E-Mails, einen Kalender und Cloud-Speicher, alles unter Schweizer Datenschutzrecht und außerhalb der Reichweite amerikanischer Überwachungsanfragen.
Anna: Praktisch wird Proton Mail dadurch, dass eine neue Adresse in etwa zwei Minuten eingerichtet ist. Es gibt ein eingebautes Import-Werkzeug für Gmail und Outlook, das die alten Mails samt Ordnerstruktur übernimmt. Nutzer berichten, dass die iOS- und Android-Apps mittlerweile so flüssig laufen wie die großen US-Dienste, mit Push-Benachrichtigungen, schneller Suche und einer aufgeräumten Oberfläche. Zwischen zwei Proton-Adressen ist die Verschlüsselung automatisch. Wer eine Gmail-Adresse anschreibt, kann eine passwortgeschützte verschlüsselte Nachricht senden, die der Empfänger über einen Link öffnet.
Klaus: Für DACH-Hörer gibt es einen spezifischen Aspekt. Proton ist ein Schweizer Unternehmen, und die Rechenzentren stehen in der Schweiz und in Deutschland. Das ist relevant, wenn wichtig ist, wer rechtlich Zugang zur Inbox verlangen kann. Der Dienst ist gratis nutzbar, läuft auf Windows, Mac, Linux, iOS und Android, und die Web-Version funktioniert in jedem Browser. Wer mehr Speicher will, zahlt ab knapp fünf Euro im Monat, was ungefähr auf dem Niveau von Google One liegt.
Anna: Ein Tipp aus der Praxis: Viele Nutzer wechseln nicht auf einen Schlag, sondern in Etappen. Erst private Mails, dann die Familie, dann Nebenprojekte. Gmail muss man nicht sofort aufgeben. Proton bietet dafür eine automatische Weiterleitung an, sodass Kontakte weiter an die alte Adresse schreiben können, während die Antworten aus der verschlüsselten Umgebung kommen. Wer heute Nachmittag eine halbe Stunde investiert, hat abends eine funktionierende Alternative zur werbebasierten Inbox.
Die freie Fotobibliothek Piwigo bringt jahrzehntelange Familienbilder auf den eigenen Server.
Klaus: Der zweite Fund ist Piwigo, eine freie Open-Source-Fotobibliothek, die bei Europäern beliebt ist, die aufhören wollen, ihr Familienarchiv Google Fotos oder iCloud zu füttern. Piwigo wird seit Jahren in Frankreich entwickelt und verwandelt jeden übrig gebliebenen Rechner, oder auch einen günstigen Webhosting-Account, in eine eigene private Fotoseite. Die Bilder werden einmal hochgeladen, in Alben organisiert und lassen sich dann aus jedem Browser oder vom Handy abrufen.
Anna: Piwigo ist inzwischen eines der ausgereiftesten selbstgehosteten Foto-Werkzeuge. Nutzer berichten, dass es zehntausende Fotos ohne Mühe verwaltet, und es gibt mobile Apps für iOS und Android, mit denen Bilder direkt vom Handy hochgeladen werden. Die Software beherrscht Gesichtserkennung, Verschlagwortung und Suche und liest die in den Bildern gespeicherten Orts- und Kameradaten aus. So ordnen sich Alben nach Datum oder Ort quasi von selbst.
Klaus: Wer keinen eigenen Server betreiben will, kann Piwigo auch als gehostete Version aus Frankreich für einen kleinen Monatsbetrag buchen. Damit bleiben die Fotos innerhalb der EU unter der DSGVO. Das ist eine echte Alternative zu den großen US-Fotoclouds für alle, die sich Sorgen machen, wie Familienbilder zum Training von KI-Modellen genutzt werden. Und weil es Open Source ist, gibt es kein Risiko, dass ein Dienst abgeschaltet wird und die Bibliothek mit ihm verschwindet.
Anna: Ein praktischer Einstieg: Klein anfangen. Einen Urlaubsordner nehmen, ihn nach Piwigo hochladen, den Album-Link mit der Familie teilen und schauen, wie es sich anfühlt. Wenn das gut läuft, wandert Schritt für Schritt der Rest der Sammlung mit. Für deutsche Nutzer mit einer alten Synology- oder QNAP-NAS zu Hause besonders interessant: Piwigo läuft dort direkt als Paket, ohne extra Server. Heute ging es um: den UN-Klimabericht zum KI-Hunger der Tech-Konzerne, den Start des autonomen Uber-Wayve-Dienstes in London, die europäischen Auskunftsersuchen an über dreißig KI-Firmen, die westliche Angst vor einem zweiten China-Schock in der Fertigung, den verschlüsselten Schweizer E-Mail-Dienst Proton Mail und die freie französische Fotobibliothek Piwigo.
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Klaus: State of Tech, die Tech-Welt in 15 Minuten.