Donnerstag, 20. August 2026 · 12:26
EU & Kalifornien schalten KI-Transparenzgesetze scharf, Siemens-Warnung & RAM-Preise +400%
The State of Tech DE vom Donnerstag, 20. August 2026: Europa und Kalifornien schalten am selben Tag ihre großen KI-Transparenzgesetze scharf – und setzen damit eine neue globale Grundlinie für alle generativen KI-Ausgaben. Außerdem: FBI, NSA und CISA warnen vor KI-gestützten Angriffen auf Siemens-S7-Steuerungen in kritischer Infrastruktur, das Weiße Haus zieht erstmals Open-Source-KI-Modelle in Sicherheitstests, eine globale Speicherchip-Knappheit treibt DRAM- und NAND-Preise um bis zu 400 Prozent nach oben, und zum Ausprobieren: Ellipsus, ein europäisches Browser-Schreibwerkzeug mit Versionskontrolle, sowie das Browser-Whiteboard Excalidraw.
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Transkript
Anna: Willkommen bei The State of Tech DE, Donnerstag, der zwanzigste August 2026. Ich bin Anna Hoffmann.
Klaus: Und ich bin Klaus Bergmann. Heute: Europa und Kalifornien schalten am selben Tag ihre großen KI-Transparenzgesetze scharf. US-Behörden warnen vor KI-gestützten Angriffen auf Siemens-Steuerungen in Fabriken. Das Weiße Haus zieht auch mächtige Open-Source-KI-Modelle in seine Sicherheitstests hinein. Eine globale Speicherchip-Knappheit treibt die Preise um bis zu vierhundert Prozent nach oben. Und zum Abschluss zwei Sachen zum Ausprobieren, zuerst das europäische Schreibwerkzeug Ellipsus, dann das Browser-Whiteboard Excalidraw. Fangen wir an.
Europa und Kalifornien schalten am selben Tag große KI-Transparenzgesetze scharf.
Anna: Seit dem zweiten August sind zwei große Regelwerke für Künstliche Intelligenz operativ, und zusammen setzen sie eine neue globale Grundlinie. In Europa greift Artikel fünfzig des AI Acts. Anbieter müssen Nutzern klar sagen, wenn sie mit einer KI sprechen, und sie müssen KI-generierte Inhalte digital markieren, damit andere Software sie erkennen kann. In Kalifornien tritt am selben Tag der AI Transparency Act in Kraft, der sogenannte CATA, mit sehr ähnlichen Anforderungen. Die beiden Regelwerke sind nicht identisch, aber die Richtung ist eindeutig: synthetische Inhalte werden gekennzeichnet, und wer mit einer Maschine spricht, soll das wissen.
Klaus: Und was das wirklich groß macht, ist der Geltungsbereich. Das gilt nicht mehr nur für Hochrisikobereiche wie Medizin oder Personalauswahl. Es betrifft praktisch alle generativen KI-Ausgaben, vom Chatbot auf einer Online-Shop-Seite bis zu KI-Bildern in sozialen Netzwerken. Firmen müssen Erkennbarkeit direkt in ihre Systeme einbauen, damit ein KI-generierter Text, Ton oder ein Video einen unsichtbaren Marker trägt. Die Kommission hat Leitlinien veröffentlicht, und Amsterdam hat sogar ein eigenes Handbuch für Verwaltungsmitarbeiter herausgegeben. Das ist Regulierung, die von Papier in Code übergeht.
Anna: Der Knackpunkt ist die Durchsetzung. Einen Chatbot mit dem Hinweis „Sie sprechen mit einer KI" auszurüsten, ist einfach. Ein KI-generiertes Bild verlässlich zu wasserzeichnen, das dann zugeschnitten, per Screenshot kopiert und über ein Dutzend Plattformen weiterverbreitet wird, ist eine völlig andere technische Herausforderung. Für den DACH-Raum sind vor allem der Bundesnetzagentur und die Datenschutzbehörden der Länder in der Vollzugsrolle. Deutsche Konzerne wie SAP oder die Deutsche Telekom, die eigene KI-Produkte anbieten, arbeiten seit Monaten an technischen Mustern zur Kennzeichnung. Für Nutzer bedeutet das: von jetzt an sollte klar erkennbar sein, ob ein Text oder ein Bild aus einer Maschine kommt. Wer das nicht kennzeichnet, riskiert Bußgelder.
US-Behörden warnen vor KI-gestützten Angriffen auf Siemens-Steuerungen in Fabriken und Versorgern.
Klaus: FBI, NSA und die US-Cybersicherheitsbehörde CISA haben gestern gemeinsam eine dringende Warnung herausgegeben. Eine KI-getriebene Kampagne zielt auf verwundbare Siemens-S7-Steuerungen ab. Das sind die kleinen Industrierechner, die Pumpen, Ventile und Produktionslinien in Kraftwerken, Wasserwerken und Fabriken quer durch Europa und Nordamerika steuern. Die Angreifer nutzen KI, um Exploit-Skripte zu erzeugen, die wie legitime Wartungssoftware aussehen, und setzen sie dann für Erkundung, Diebstahl von Zugangsdaten und in einzelnen Fällen bereits zur aktiven Störung industrieller Prozesse ein.
Anna: Das Beunruhigende ist, was KI hier verändert. Angriffe auf industrielle Steuerungen brauchten bisher tiefes Spezialwissen. Man musste die Hardware, die Protokolle und den konkreten Aufbau der Anlage verstehen. KI senkt diese Hürde drastisch. Ein weniger versierter Angreifer kann jetzt einen funktionierenden Exploit erzeugen, indem er einfach beschreibt, was er will. Und die getarnten Skripte, die wie Wartungssoftware aussehen, sind für Verteidiger deutlich schwerer zu erkennen. Für die deutsche Industrie ist das keine abstrakte Warnung. Siemens ist ein deutsches Unternehmen, und die S7-Serie steht in unzähligen Stadtwerken, Chemieparks und Automobilfabriken zwischen Kiel und Klagenfurt.
Klaus: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI, wird nach eigenen Angaben eine ergänzende Handlungsanweisung veröffentlichen. Auch in Österreich und der Schweiz bereiten sich die zuständigen Stellen auf abgestimmte Warnhinweise vor. Der praktische Rat für Betreiber bleibt derselbe wie seit Jahren, wird aber jetzt dringend: Industrienetze strikt von Büronetzen trennen, S7-Steuerungen niemals direkt aus dem offenen Internet erreichbar machen, aktuelle Firmware einspielen. Für viele Mittelständler, die ältere Anlagen betreiben, ist genau das die Achillesferse. Alte Steuerungen laufen jahrzehntelang und lassen sich oft nicht mehr patchen.
Anna: Kurze Unterbrechung. Wenn du The State of Tech DE regelmäßig hörst, drück auf Like und abonniere den Podcast, so verpasst du keine Folge. Weiter geht's.
Das Weiße Haus zieht mächtige Open-Source-KI-Modelle erstmals in seine Sicherheitstests hinein.
Klaus: Die US-Regierung hat bestätigt, dass sie ihren KI-Sicherheitsrahmen auf Open-Source-Modelle ausweitet, sobald diese das erreichen, was in Washington „Frontier-Fähigkeit" genannt wird. Bisher galt der Rahmen nur für geschlossene Modelle von Firmen wie OpenAI und Anthropic. Mit der Ausweitung fallen auch offen veröffentlichte Modelle darunter, etwa von Meta oder aus chinesischen Forschungslaboren. Sie sollen dann vor der Freigabe föderale Sicherheitstests durchlaufen.
Anna: Das ist eine bedeutende Verschiebung in der amerikanischen Denkweise. Die Open-Source-Gemeinde argumentiert seit Jahren, Offenheit sei selbst ein Sicherheitsmerkmal, weil Forscher weltweit die Modelle inspizieren und Schwachstellen finden können. Das Gegenargument, auf das sich das Weiße Haus jetzt stützt, ist ein anderes: Sobald ein Modell mächtig genug ist, um beim Entwurf einer Biowaffe oder beim Schreiben hochentwickelter Schadsoftware wirklich zu helfen, wird die freie Verfügbarkeit zum Problem. Für ein Open-Weight-Modell gibt es keinen Rückruf. Wenn es einmal draußen ist, ist es draußen.
Klaus: Die praktischen Fragen sind riesig. Wer definiert Frontier-Fähigkeit? Wie testet man ein Modell vor der Veröffentlichung, wenn der ganze Sinn von Open Source darin besteht, dass jeder es forken und verändern kann? Und wie setzt man das gegenüber Laboren in Ländern durch, die den Washingtoner Ansatz nicht teilen? Für Europa entsteht daraus eine interessante Dynamik. Der EU AI Act enthält bereits Regeln für Allzweck-KI-Modelle mit systemischem Risiko. Deutsche und französische Forschungsinitiativen wie Aleph Alpha in Heidelberg oder Mistral in Paris müssen jetzt in zwei parallelen Regulierungswelten navigieren. Das kann für europäische Anbieter Vorteil oder Belastung sein, je nachdem, wie eng die beiden Regelwerke am Ende harmonisiert werden.
Eine globale Speicherchip-Knappheit treibt die Preise um bis zu vierhundert Prozent nach oben.
Anna: Jetzt zu einer Geschichte, in der es nicht um KI-Algorithmen geht, sondern um das physische Fundament darunter. Der weltweite Speichermarkt steckt in dem, was die Branche „RAMmageddon" nennt. Die Preise für DRAM und NAND-Flash sind im letzten Jahr um zwei- bis vierhundert Prozent gestiegen. Der Grund ist explodierende Nachfrage nach hochbandbreitigem Speicher für KI-Server. Die Hersteller haben ihre Kapazitäten in Richtung dieser margenstarken KI-Komponenten verschoben, und die Nebenwirkungen treffen jetzt alle anderen.
Klaus: Die Folgen sind bei Konsumprodukten schon sichtbar. PC-Hersteller heben Preise für Notebooks und Desktop-Rechner leise an. Smartphone-Anbieter fangen die Kosten bei ihren Premium-Modellen noch ab, geben sie aber in der Mittelklasse durch. Spielkonsolen, Smart-TVs, Kameras, sogar Infotainment-Systeme in Autos, sie alle nutzen dieselben Speicherchips, die jetzt in KI-Rechenzentren umgeleitet werden. Analysten erwarten, dass die Knappheit mindestens zwei weitere Jahre anhält, denn eine neue Chipfabrik zu bauen dauert genau so lange.
Anna: Für die europäische Elektronikbranche ist das ein echtes Problem. Unternehmen wie Miele, Bosch oder auch die Autobauer aus Wolfsburg und München haben nicht dieselbe Einkaufsmacht wie amerikanische Hyperscaler, die sich mit Mehrjahresverträgen bei den Speicherherstellern absichern. Kleinere Marken werden besonders gequetscht. Manche wechseln auf ältere Speichergenerationen, um die Preise zu halten, was langsamere Geräte für Verbraucher bedeutet. Und es gibt eine strategische Dimension: Die EU diskutiert seit Jahren über eigene Chipkapazitäten, aber der European Chips Act zielt bisher vor allem auf Logikchips für Autos und Industrie, kaum auf Speicher. Diese Lücke wird jetzt spürbar.
Das europäische Schreibwerkzeug Ellipsus lässt Teams lange Dokumente gemeinsam bearbeiten, ohne Anbieterbindung.
Klaus: Zum Abschluss zwei Sachen, mit denen ihr heute konkret etwas anfangen könnt. Der erste Fund heißt Ellipsus. Das ist eine browserbasierte Schreibumgebung, gebaut von einem kleinen europäischen Team, und sie ist für Menschen gedacht, die längere Texte gemeinsam bearbeiten. Also Romanautoren, Wissenschaftler mit mehreren Ko-Autoren, Journalisten an langen Reportagen oder Teams, die Positionspapiere schreiben. Die Nutzung ist kostenlos, und anders als bei den großen amerikanischen Dokumentplattformen wird der Text nicht für KI-Training ausgewertet und nicht in ein proprietäres Format eingesperrt.
Anna: Was Ellipsus wirklich hervorhebt, ist der Umgang mit Versionen und Zusammenarbeit. Die App führt eine vollständige Historie jeder Fassung, ihr könnt ein Dokument abzweigen, eine andere Richtung ausprobieren und die Änderungen später wieder zusammenführen, ähnlich wie Softwareentwickler das mit Programmcode machen. Nutzer berichten, dass gerade die Arbeit an einem langen Manuskript mit mehreren Beitragenden dadurch viel weniger schmerzhaft wird als das übliche Jonglieren mit Kommentaren in einer Cloud-Datei. Der Export in Standardformate funktioniert reibungslos, ihr könnt euren Text jederzeit in ein normales Textverarbeitungsprogramm oder eine Publikationssoftware ziehen.
Klaus: Ellipsus läuft komplett im Browser, es gibt also nichts zu installieren, und es funktioniert auf jedem Betriebssystem, egal ob Windows, Mac oder Linux. Es gibt eine kostenlose Stufe, die für die meisten Einzelnutzer reicht, und bezahlte Stufen für Teams, die mehr Speicher und erweiterte Funktionen wollen. Für alle im DACH-Raum, die ihr unfertiges Manuskript nicht auf amerikanischen Servern liegen haben wollen, ist der europäische Serverstandort ein handfestes Argument. Besonders gelobt wird Ellipsus für Belletristik-Projekte und akademische Ko-Autorenschaften, wo Versionierung wirklich zählt. Öffnet die Seite, legt ein Testdokument an, ladet einen Kollegen ein und probiert eine Verzweigung aus. Fünfzehn Minuten reichen, um zu spüren, ob es zu eurem Arbeitsstil passt.
Mozilla bringt Firefox-KI direkt ins Browser-Fenster – ohne Cloud-Umweg
Anna: So, und jetzt hab ich heute Morgen was gesehen, das mich ehrlich gesagt überrascht hat – Mozilla macht ernst mit lokalem AI im Browser. Die haben angekündigt, dass Firefox künftig kleine Sprachmodelle direkt auf deinem Rechner laufen lässt. Kein Server, kein Cloud-Abo, nichts.
Klaus: Das klingt erstmal nach einem frommen Wunsch, den viele versprochen haben. Was ist diesmal anders?
Anna: Der entscheidende Punkt ist die Hardware-Seite. Die neuen Prozessoren – ob das jetzt ARM-Chips auf dem Mac sind oder die neueren x86-Varianten – bringen genug NPU-Leistung mit, dass Modelle mit ein paar Milliarden Parametern tatsächlich flüssig laufen. Mozilla setzt auf Modelle im drei-bis-sieben-Milliarden-Parameter-Bereich. Das ist komprimiert, quantisiert, und passt in vier bis acht Gigabyte RAM.
Klaus: Und was kann man damit konkret machen? Ich frag das, weil „AI im Browser" ja schon öfter als große Ansage kam und dann war's ein Textfeld mit Autocomplete.
Anna: Ha, ja, fair. Konkret heißt das: Du markierst einen Text auf einer Webseite, klickst rechts, und Firefox fasst dir das zusammen – lokal. Oder du lässt eine Seite übersetzen, ohne dass Mozilla irgendwas davon sieht. Der Datenschutz-Aspekt ist hier wirklich kein Marketing, sondern technisch verankert.
Klaus: Was mich interessiert: Wie reagiert der Rest der Browser-Welt darauf? Chrome hat doch mit Gemini Nano auch schon lokal AI probiert.
Anna: Stimmt, aber Googles Ansatz ist tighter an ihre eigene Infrastruktur gekoppelt. Mozilla positioniert sich bewusst als die offene Alternative – die wollen das auch für Drittanbieter öffnen, also Erweiterungen können dann auf diese lokale AI-Engine zugreifen. Das ist ein anderes Ökosystem-Denken.
Klaus: Das könnte für Entwickler tatsächlich interessant sein. Statt jeder Erweiterung baut seine eigene API-Anbindung nach draußen, gibt es eine gemeinsame lokale Infrastruktur. Weniger Kosten, weniger Datenlecks.
Anna: Genau das. Und Mozilla sagt, das Feature rollt erst für Desktop, aber mobile soll noch dieses Jahr folgen. Auf älteren Geräten läuft dann eine schlankere Modellvariante.
Klaus: Ich bin gespannt, ob die Leute das überhaupt merken werden. AI-Features im Browser sind ja inzwischen fast normal geworden.
Anna: Das ist vielleicht das Interessante daran – es wird still und leise Teil der Infrastruktur. Und das ist bei Mozilla-Projekten oft der Fall: nicht der lauteste Launch, aber langfristig relevant.