Samstag, 4. Juli 2026 · 11:16
Indien eröffnet erste Chipanlage, Palantir in der Kill Chain, EU-Förderplan
The State of Tech DE vom Samstag, 4. Juli 2026: Indien nimmt seine erste Halbleiter-Verpackungsanlage in Gujarat in Betrieb, während Palantir KI tiefer in die amerikanische Militär- und Abschiebemaschinerie einbettet. Die EU-Kommission legt einen neuen Cloud- und KI-Entwicklungsplan vor, Südkoreas FASSTO Robotics steuert auf den Börsengang zu, und zum Abschluss gibt es zwei kostenlose Empfehlungen für Kreative und Vielleser: Krita und Readeck.
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Transkript
Anna: Willkommen bei The State of Tech DE, Samstag, der vierte Juli 2026. Ich bin Anna Hoffmann.
Klaus: Und ich bin Klaus Bergmann. Heute geht es um Indiens erste große Chip-Verpackungsanlage in Gujarat, um Palantir und die immer tiefere Rolle von KI in der amerikanischen Militärkette, um Brüssels neuen Cloud- und KI-Entwicklungsplan, um eine südkoreanische Robotikfirma vor dem Börsengang, und zum Schluss zwei Dinge, mit denen ihr heute konkret etwas anfangen könnt: die kostenlose Mal-App Krita und der datenschutzfreundliche Lese-Dienst Readeck. Fangen wir an.
Indien eröffnet in Gujarat seine erste große Chip-Verpackungsanlage und greift nach Unabhängigkeit im Halbleitermarkt.
Anna: Indien hat heute seine erste ernsthafte Halbleiter-Verpackungsanlage in Betrieb genommen, im Bundesstaat Gujarat, in Sanand. Premierminister Narendra Modi hat das Band durchgeschnitten. Das Werk kostet rund achthundertvierzig Millionen Euro, und ist ein Gemeinschaftsprojekt von Indiens CG Power, Renesas aus Japan und Stars Microelectronics aus Thailand. Das Ziel ist ambitioniert: bis zu fünf Milliarden Chip-Einheiten pro Jahr innerhalb von fünf Jahren.
Klaus: Wichtig zu verstehen ist, was hier genau passiert. Es geht nicht um die großen Chipfabriken, die Wafer belichten, das machen weiterhin TSMC in Taiwan oder Samsung in Südkorea. Es geht um Verpackung, den Schritt, bei dem die winzigen Chips in die Bauteile eingebaut werden, die dann im Auto, in der Waschmaschine oder in einem Mobilfunkmast landen. Weniger glamourös als die Spitzenfertigung, aber ein echtes Nadelöhr in der globalen Lieferkette. Und genau hier kann Indien mithalten, ohne bei modernster Lithografie mit Taiwan konkurrieren zu müssen.
Anna: Die Zielmärkte sind aufschlussreich: Automobil, Industrieelektronik, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation. Also praktisch überall dort, wo auch Europa Chips einkauft. Für die deutsche Autoindustrie ist das keine kleine Nachricht. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz erinnern sich noch sehr genau an 2021 und 2022, als fehlende Chips Produktionslinien in Wolfsburg und Ingolstadt stillstehen ließen. Eine zusätzliche Verpackungsquelle außerhalb Ostasiens verändert die strategische Rechnung.
Klaus: Und dass Japan und Thailand als Partner mit an Bord sind, zeigt, dass hier ein breiteres asiatisches Umschichten läuft, nicht nur ein indischer Alleingang. Für Deutschland ist das doppelt interessant, weil Infineon und Bosch selbst in eigene Kapazitäten investieren, aber weiterhin auf globale Partner angewiesen bleiben. Ein zusätzlicher indischer Knoten in der Lieferkette ist mittelfristig eine Versicherung gegen die nächste Krise, egal ob sie geopolitisch oder eine neue Pandemie ist.
Palantir schiebt KI immer tiefer in die amerikanische Militärkette und in Abschiebe-Operationen.
Anna: Palantir Technologies vertieft seine Rolle im Kern der US-Sicherheitsarchitektur, und das durchaus sichtbar. Zwei Systeme stechen heraus. Zum einen etwas, das ImmigrationOS heißt, genutzt von der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, um Überwachungsdaten auszuwerten und Personen für Abschiebungen zu identifizieren. Zum anderen das Maven Smart System, das inzwischen KI in das einspeist, was das Militär die Kill Chain nennt: die Kette von Schritten vom Erkennen eines Ziels bis zum Waffeneinsatz.
Klaus: Bei der Formulierung Kill Chain lohnt es sich, kurz innezuhalten. Palantir macht hier nicht nur Analyse im Hintergrund. Die Software hilft, Ziele zu identifizieren und zu priorisieren. Das Unternehmen selbst beschreibt es als Entlastung menschlicher Bediener, damit die sich auf höhere Strategie konzentrieren können. Kritiker beschreiben es als Automatisierung eines Teils einer Entscheidung, die bisher fest in menschlicher Hand lag.
Anna: Und Project Maven ist keine Zukunftsmusik. Es ist das KI-Vorzeigeprogramm des Pentagon, und es läuft im Einsatz. Die Richtung ist eindeutig: mehr KI, mehr Automatisierung, bei Entscheidungen mit Leben-oder-Tod-Konsequenzen. Für Europa hat das zwei konkrete Folgen. Erstens NATO-Interoperabilität: wenn amerikanische Streitkräfte KI-gestützte Zielerfassung nutzen und europäische Partner nicht, wird gemeinsame Einsatzführung schnell schwierig. Bundeswehr und die Rüstungsindustrie in Deutschland verfolgen das sehr genau.
Klaus: Zweitens der EU AI Act. Der klammert militärische Anwendungen ausdrücklich aus, was in Brüssel und Berlin nach wie vor kritisiert wird. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International warnen seit Monaten davor, dass zivile Datenanalyse und militärische Zielerfassung bei Anbietern wie Palantir technisch immer näher zusammenrücken. Die Debatte, ob eine menschliche Freigabe am Ende noch eine echte Entscheidung ist oder nur ein Stempel auf einer Algorithmus-Empfehlung, wird in den kommenden Monaten auch im Bundestag ankommen.
Anna: Kurze Unterbrechung. Wenn du The State of Tech DE regelmäßig hörst, drück auf Like und abonniere den Podcast, so verpasst du keine Folge. Weiter geht's.
Brüssel schlägt einen neuen Cloud- und KI-Entwicklungsplan vor, um Europas digitale Zukunft zu finanzieren.
Klaus: Die Europäische Kommission hat einen Vorschlag für ein neues Cloud and AI Development Act vorgelegt, veröffentlicht am dritten Juni. Das Ziel: Europas Cloud- und KI-Ökosystem aufbauen, von Investitionen bis zu Infrastruktur. Drei Säulen: Förderung von Forschung und Innovation bei der nächsten Generation von Cloud und KI, sogenannte Grand Challenges als Anschub für Entwicklung, und der Ausbau digitaler Infrastruktur in den Mitgliedstaaten.
Anna: Das Framing ist wichtig. Das hier ist kein Regulierungsakt wie der AI Act, bei dem es um Regeln ging. Hier geht es darum, Geld auszugeben und Kapazitäten zu bauen. Brüssel wurde in den letzten Jahren immer wieder dafür kritisiert, einen Tech-Sektor zu regulieren, den es selbst gar nicht hat. Die Botschaft der Kommission ist jetzt: wir versuchen, einen zu schaffen.
Klaus: Der Anwendungsbereich umfasst Frontier-KI, Industrie-KI und physische KI, also Robotik und Fabrikautomatisierung. Das spielt europäischen Industriestärken in die Karten, und ganz besonders deutschen. Der Maschinenbau, die Autoindustrie, die Chemie- und Pharmabranche, all das sind Bereiche, in denen KI in Maschinen und Anlagen eingebettet wird, nicht in Chatbots. SAP, Siemens und Bosch haben genau hier ihre Stärken.
Anna: Der Haken sind natürlich die Zahlen. Verglichen mit den hunderten Milliarden, die die US-Privatwirtschaft in KI-Infrastruktur pumpt, und den staatlich unterstützten chinesischen Ausgaben, wirken europäische Förderpakete meist überschaubar. Der Branchenverband Bitkom argumentiert seit Monaten, dass ein Vielfaches der bisher genannten Beträge nötig wäre, um den Abstand zu schließen. Wenn das Gesetz durchkommt, ergänzt es den AI Act, indem europäischen Unternehmen mehr Mittel gegeben werden, um die Technologie tatsächlich zu bauen, deren Regulierung sie schon erfüllen müssen.
Südkoreas FASSTO Robotics sammelt Pre-IPO-Geld für KI-gesteuerte Lagerroboter ein.
Klaus: Kommen wir zur Robotik. FASSTO Robotics, ein südkoreanisches Unternehmen für sogenannte physische KI, hat die erste Tranche seiner Pre-IPO-Finanzierung abgeschlossen. Der Betrag wird nicht genannt, aber angeführt wird die Runde von einem Robotik-Fonds, der von Ion Asset Management, Cornerstone Investment Partners und NH Hedge Asset Management gebildet wurde. Ziel ist ein Börsengang in der zweiten Jahreshälfte.
Anna: Was FASSTO konkret tut, muss man aus dem Jargon übersetzen. Sie bauen Lagerhäuser, die sich selbst steuern. Autonome mobile Roboter bewegen Waren durch die Halle, und ein KI-System entscheidet, welcher Roboter was in welcher Reihenfolge und an welcher Stelle tun soll. Software-Gehirn plus Hardware-Muskel, verkauft als ein Paket an Logistikunternehmen. Das frische Kapital soll genau in dieses Software-Gehirn fließen, in engere Steuerung der Roboter am Boden und in Partnerschaften vor dem Börsengang.
Klaus: Das passt in eine viel breitere Welle. Physische KI, also KI, die in Maschinen steckt, die sich durch die echte Welt bewegen, ist eines der heißesten Investmentthemen des Jahres. Für den deutschsprachigen Raum ist das direkt relevant. Die Logistik in Hamburg, Duisburg und Wien steckt mitten in einem Automatisierungsschub. Arbeitskräftemangel, steigende Löhne und E-Commerce-Volumen zeigen alle in dieselbe Richtung.
Anna: Und koreanische und chinesische Robotikanbieter werden zu ernsthaften Konkurrenten für europäische Platzhirsche wie Kion aus Frankfurt oder Swisslog aus der Schweiz. Für Kunden wie Zalando, Otto oder DHL bedeutet mehr Wettbewerb bessere Konditionen. Für die deutschen Anbieter bedeutet es, dass die Zeit knapper wird, um eigene KI-Software auf ähnliches Niveau zu bringen.
Krita ist die kostenlose Open-Source-Mal-App, die es mit teurer digitaler Kunstsoftware aufnimmt.
Klaus: Zum Abschluss zwei Dinge, mit denen ihr heute konkret etwas anfangen könnt, und beide kosten nichts. Als erstes: Krita. Das ist eine freie, quelloffene App für digitales Malen und Illustration, und sie ist eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Kreativsoftware. Wenn ihr, oder eure Kinder, schon länger digitales Zeichnen ausprobieren wolltet, ohne ein Abo bei Adobe oder Clip Studio abzuschließen, dann ist das der Einstieg.
Anna: Krita ist speziell für Künstler gebaut, nicht für Fotografen. Es gibt richtige Pinsel-Engines, Textur-Unterstützung, Animationswerkzeuge und einen eigenen Workflow für Comicseiten. In Reviews wird Krita fürs Malen oft günstiger bewertet als Photoshop, auch wenn es kein allgemeiner Fotoeditor sein will. Es läuft auf Windows, macOS und Linux, und es gibt auch eine Version, die auf tabletartiger Hardware gut funktioniert.
Klaus: Der Grund, das heute auszuprobieren: es ist komplett kostenlos, kein Konto nötig, keine Datensammelei, kein Upsell zu einem Cloud-Dienst. Man lädt es von krita.org herunter, installiert es, und ist innerhalb weniger Minuten am Zeichnen. Illustratoren und Concept-Artists arbeiten seit Jahren damit, und die App wurde für veröffentlichte Comics und Animationen genutzt. Für den deutschsprachigen Raum ist noch interessant: Krita wird von einer niederländischen gemeinnützigen Stiftung entwickelt, alles läuft lokal auf dem Rechner, nichts geht in eine Cloud.
Readeck ist die datenschutzfreundliche Später-Lesen-App, die Artikel offline verfügbar macht.
Anna: Und die zweite Empfehlung: Readeck. Das ist eine selbst gehostete, quelloffene Später-Lesen-App, im Geist der älteren Werkzeuge Pocket und Instapaper. Man speichert Artikel aus dem Web, und Readeck entfernt den ganzen Ballast, die Werbung, die Pop-ups, die Newsletter-Aufforderungen, und gibt einem eine saubere, gut lesbare Version, die man später durchgehen kann, auch offline auf dem Handy oder Tablet.
Klaus: Der Grund, das gerade an diesem Wochenende zu testen: Mozillas Pocket-Dienst wurde Anfang dieses Jahres eingestellt, und viele Nutzer suchen seitdem eine Alternative. Readeck füllt genau diese Lücke und liefert obendrein einen richtigen E-Book-Export, so dass man eine Sammlung langer Artikel in einem Rutsch an einen Kindle oder Tolino schicken kann. Für alle, die Artikel schneller speichern als lesen, ist das wirklich nützlich.
Anna: Der selbst gehostete Teil ist der Kompromiss. Wer technisch ist, kann Readeck auf einem eigenen kleinen Server laufen lassen, mit voller Privatsphäre. Wer das nicht ist, findet gehostete Angebote von Drittanbietern in Europa, oder fragt eine technisch versierte Person im Umfeld. So oder so bleibt die Leseliste außerhalb der Reichweite von Werbetreibenden. Es gibt Browser-Erweiterungen für Firefox und Chrome, und eine mobile Web-Version, die sich wie eine App verhält. Nutzer loben, dass Readeck schnell und aufgeräumt ist, ohne Algorithmus-Empfehlungen. Zu finden unter readeck.org.
Anna: Heute ging es um Indiens erste große Chip-Verpackungsanlage in Gujarat, um Palantirs immer tiefere Rolle in der amerikanischen Militärkette, um Brüssels Cloud- und KI-Entwicklungsplan, um Südkoreas FASSTO Robotics vor dem Börsengang, um die kostenlose Mal-App Krita, und um die datenschutzfreundliche Später-Lesen-App Readeck.
Klaus: Mehr wissen oder Feedback geben? Besuche stateoftech.de oder schreib uns an info@doorzetters.net.
Klaus: State of Tech, die Tech-Welt in 15 Minuten.